Wir schätzen Louis Rossetto sehr. Er ist der Gründer des Magazins Wired – lange Jahre das Sprachrohr der digitalen Revolution. Inzwischen ist das Magazin an das Verlagshaus Condé Nast verkauft und Rossetto war bereit für eine neue Revolution. Diesmal in der Schokoladenproduktion.Gemeinsam mit dem früheren Space-Shuttle-Ingenieur Timothy Childs und Karl Bittong, einem Veteranen der Schokoladenindustrie, gründete er vor vier Jahren Tcho. Die Geschäfts-DNA kombiniert die Ideale der Softwareindustrie mit der Kunst der feinen Schleckerei. Tcho entwickelt neue Schokoladensorten als limitierte "Beta-Editionen", die von Kunden getestet und verbessert werden, ganz so wie in der Softwarebranche.
Wir haben Louis Rossetto zu einem entspannten und ungemein stimulierenden Gespräch in Berlin getroffen.
Hallo Louis! Ein Thema, das uns stark beschäftigt, ist die Notwendigkeit fortlaufender Experimente. Ein Konzept, das von vielen Unternehmen mit erheblicher Skepsis betrachtet wird. Offensichtlich aber nicht bei Tcho. War die Freiheit zu Experimenten ein wesentlicher Aspekt bei der Entwicklung Eures Geschäftsmodells?
Louis Rossetto: Hallo Anja und Peter. Die Freiheit zu Experimenten ist eher eine Konsequenz aus der genetischen Disposition unseres Unternehmens. Tcho ist nach dem Prinzip ‚Silicion Valley trifft auf die Esskultur San Franciscos’ konzipiert. Die Kultur im Silicon Valley ist geprägt von permanentem Wandel und frischen Ideen. Es geht darum, für diese Ideen die notwendige finanzielle Unterstützung zu gewinnen, sie dann wachsen zu lassen und zu sehen, welche davon überleben. So etwas prägt dein Denken! In einem solchen Umfeld ist es einfach nicht okay, dieselbe Sache auf die immer gleiche Art zu wiederholen. Dir muss schon etwas wirklich Außergewöhnliches einfallen, um Kapitalgeber für deine Idee zu interessieren.
Timothy Childs, der die Idee für Tcho hatte, ist ein Ingenieur, der 15 Jahren im Valley gearbeitet hat. Seine Idee war es, die Art und Weise wie Schokolade entwickelt wird, zu revolutionieren. Daraus entstand die Idee der Co-Creation: Wir bringen ein Beta-Produkt raus, das die Konsumenten testen und uns sagen, was ihnen daran gefällt. Wir verbessern es weiter und geben es wieder an sie zurück – so lange, bis es ausgefeilter und entwickelter ist, als es jemals hätte sein können, hätten wir es im Labor entwickelt und kurz vor der Einführung an eine Fokusgruppe gegeben.
Wie sind die Rollen zwischen Dir und Timothy Childs verteilt?
Louis Rossetto: Timothy ist der Erfinder des Geschäftsmodels. Ich bin der Ideen-Connaisseur. Mir macht es Spaß, ganz unterschiedliche Ideen zusammenzubringen und sie weiterzuentwickeln. Einige davon entpuppen sich dann als nicht tragfähig, andere haben das Potenzial echte Game Changer im Markt zu werden. Was Timothy und mich zusammengebracht hat: Ich war offen für seine Verrücktheit und habe mich als eine Art Kurator für seine Ideen betätigt.
Auf der Website von Tcho ist zu lesen, dass es Euer Anspruch ist, das beste Produkt zu machen UND gleichzeitig die Dinge anders zu machen als der Wettbewerb. Ein bemerkenswerter Unterschied zu Unternehmen, die Marketing dazu nutzen, bei austauschbaren Produkten eine durch Marketing getriebene Pseudo-Unterscheidbarkeit zu schaffen. Welche Rolle spielt Marketing bei Tcho?
Louis Rossetto: Beim Marketing geht es darum, deine Botschaft nach draußen zu tragen. Deine Kunden aufzuspüren, mit ihnen eine Beziehung aufzubauen und dafür zu sorgen, dass sie verstehen, was an deinem Produkt anders ist. Du musst ihnen einen Grund zu geben, warum sie dir ihre Aufmerksamkeit schenken sollen. Und es geht darum, Kanäle zu finden, über die ich die Menschen erreiche und dann in einer Sprache zu sprechen, die sie verstehen. Dazu ist es wichtig zu kapieren, welche Probleme die Menschen eigentlich lösen wollen. Und dann musst du auch selbst verstehen, was an dem, was du machst, anders ist als bei den Wettbewerbern.
Das hört sich nicht gerade einfach an.
Louis Rossetto: Oh Mann, das ist manchmal ganz schön schwierig, weil dir oft der nötige Abstand zum eigenen Tun fehlt.
Du arbeitetest in San Francisco. Hast Du einen Lieblingsplatz in der Stadt?
Louis Rossetto: Ich arbeite in Frisco und lebe in Berkeley. Mein Lieblingsplatz dort? Das Claremont Hotel Club & Spa. Ich gehe dort jeden zweiten Tag schwimmen. Die ganze Anlage hat so einen 20er Jahre Flair. Morgens früh, wenn es noch schön leer ist, schwimme ich dort meine Runden im Pool - so richtig im Zen-Modus. Das hilft mir, meine Gedanken für den Tag zu sortieren.
Hast Du ein Motto, das Dich und Deine Lebenseinstellung beschreibt?
Louis Rossetto: Es gibt ein wunderbares Zitat von Gustave Flaubert: „Führe ein geregeltes und ordentliches Leben, damit du in deinem Werk leidenschaftlich und originell sein kannst.“ Für mich bedeutet das: Es geht nicht darum, ein teures Auto zu fahren oder ein imposantes Büro zu haben. Das steht im Hintergrund. Worum es geht, ist, Deine Energie zu nutzen, um mit Leidenschaft originelle Dinge zu schaffen.
Super, danke Louis!
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Website: Tcho
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